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Der feige Garuda
"Der Vogel ist recht verbreitet. Naturwissenschaftler ordnen ihn bei den Adlern ein (Malabar-Adler), er ist jedoch der kleinste seiner Art. Er misst kaum einen Fuß vom Schnabel bis zur Schwanzspitze, und Flügelspannweite beträgt etwa zweieinhalb Fuß. Er ist mit glänzenden, hell kastanienfarbigen Federn bedeckt; Kopf, Hals und Brust sind weißlich; die Flügelspitzen sind glänzend schwarz, die Füße gelb mit schwarzen Klauen. Er ist ein hübsch und anmutig anzusehender Vogel, aber sein durchdringender Geruch macht den näheren Umgang mit ihm unangenehm. Er gibt einen rauen, schrillen und zitternden Schrei von sich, der wie kra! kra! tönt, wobei der letzte Ton in ein trauerndes Jammern ausklingt. Obwohl allem Anschein nach stark und energisch, greift er doch niemals einen Vogel an, der größer wäre als er selbst und der ihm Widerstand entgegensetzen könnte.
In der Tat lassen seine ängstliche, ja feige Natur einen daran zweifeln, dass er wirklich zur gleichen Art gehört wie der König des gefiederten Geschlechts. Er führt dauernden Kleinkrieg gegen Eidechsen, Ratten und vor allem gegen Schlangen. Erspäht er eine davon, so stößt er auf sie herab, packt sie mit seinen Klauen, trägt sie in enorme Höhen davon und lässt sie dann fallen. Er folgt ihr behende, pickt sie wieder auf, die durch den Sturz natürlich tot ist, und fliegt mit ihr auf einen Baum in der Nähe, wo er sie in aller Ruhe verspeist."
Religiöse Toleranz
"In gewisser Hinsicht gibt es bei beiden Schulrichtungen eine Besonderheit zu beobachten: manchmal ist der Ehemann Vishnuit und trägt das naman auf der Stirn, während die Frau Sivajüngerin ist und das linga trägt. Der Mann isst Fleisch, während die Frau es nicht einmal anrühren darf. Diese Unterschiede in den religiösen Auffassungen stören aber in keiner Weise den häuslichen Frieden. Jeder der beiden folgt den Praktiken seiner eigenen Glaubensrichtung und verehrt seinen jeweiligen Gott auf die ihm am besten erscheinende Weise, ohne dabei vom anderen gestört zu werden."
Hartgesottene Schuldner
"Man muss daher schon zu energischen Maßnahmen greifen, wenn man von derart gerissenen Schuldnern sein Geld wiederbekommen will. Ist die Zahlungsfrist abgelaufen und der Gläubiger fragt nach seinem Geld, so erklärt dieser, er besitze nichts und bittet um Aufschub, wobei er bei allen Göttern schwört, dass er Kapital und Zinsen zum vereinbarten Zeitpunkt zurückzahlen werde. Also gewährt man einmal Aufschub, dann noch einmal, und jedes Mal verflüchtigen sich die Schwüre des Schuldners wie Rauch im Wind. Zuletzt wird der Gläubiger dieser endlosen Verzögerungen überdrüssig, gerät in Wut und setzt den Schuldner entweder im Namen des Landesherrn oder des Provinzgouverneurs fest.
Er verbietet seinem Schuldner, ohne seine Erlaubnis zu essen oder zu trinken, und auch er selbst muss nun fasten. Wenn diese Methode nicht fruchtet, dann legt der Gläubiger einen dicken Stein auf den Kopf des Schuldners und einen gleich großen auf seinen eigenen, und so beladen bleiben sie in der Sonnenglut einander gegenüber bewegungslos stehen; oder sie wandern, bis einer von ihnen vor Erschöpfung umsinkt, oder beide bleiben auf einem Fuß stehen wie die Kraniche, oder der Gläubiger nimmt das Vieh seines Schuldners, schließt es ein und verbietet allen, es zum Weiden zu führen, bis die volle Schuld zurückgezahlt ist. Am Ende wird der Schuldner so lange drangsaliert, bis er nicht länger ausweicht: er bietet seine Kapitulation an, zahlt einen größeren Betrag an und gibt für den Restbetrag ausreichend Sicherheiten. Daraufhin gehen Gläubiger und Schuldner im besten Einvernehmen auseinander."
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Schönheit und Kaste
"Bezüglich der Vaisya-Kaste ist überall eine nahezu unglaubliche, aber dennoch wohlbezeugte Eigenheit zu beobachten: Es gibt nicht eine einzige hübsche Frau bei den Vaisyas [d.h. de Kaufleuten]. Ich habe niemals viel mit den Frauen der Vaisya-Kaste zu tun gehabt und darf deswegen nur auf die Gefahr hin, ungerecht zu urteilen, wagen, meine Zeugenaussage darüber demjenigen von anderen an die Seite zu stellen, gestehe aber, dass die wenigen Vaisya-Frauen, die ich von Zeit zu Zeit zu sehen bekam, nicht so aussahen, dass mir eine sichtbare Widerlegung dieses populären Vorurteils gestattet wäre. Gleichwohl sind Vaisya-Frauen generell wohlhabend und bringen es fertig, ihren Mangel an Schönheit durch elegantes Auftreten auszugleichen."
Merkwürdige Bestattungssitten
"Dort angekommen, legen die Brahmanen auf den Boden des Grabes eine dicke Lage Salz aus, auf die sie den Verstorbenen mit überkreuzten Beinen ablegen. Dann füllen sie das Ganze mit Salz auf bis zum Hals des samnyasin und stampfen es gut fest, so dass der Kopf unbeweglich herausragt. Auf dem Kopf zerbrechen sie nun unzählige Kokosnüsse, bis der Schädel vollständig zerborsten ist. Nun schütten sie zum dritten Mal so viel Salz nach, bis die Überreste des Kopfes damit vollständig bedeckt sind. Über dem Grab errichten sie eine Art Plattform oder Erdhügel von drei Fuß Höhe, an dessen Spitze sie einen etwa zwei Fuß hohen linga aus Erde stellen. Dieser unanständige Gegenstand wird anschließend von den Brahmanen geweiht, die ihm eine Opfergabe aus angezündeten Lampen, Blüten und Weihrauch, als naivedya Bananen und paramanna darbringen, eine Speise, für die die Brahmanen eine besondere Vorliebe hegen und das aus Reis, Kokosnuss und Zucker besteht. Während dieser Opfer werden von den Anwesenden nach Leibeskräften Hymnen zu Ehren Vishnus gesungen."
Europäische (Un-)Sitten
"Der europäische Gebrauch von Papier zu diesem Zweck [als Toilettenpapier] wird von den Indern ausnahmslos als entsetzliche Schandtat betrachtet, und sie sprechen davon nie anders als mit Grausen. Es gibt sogar einige, die sich weigern, an solche Bräuche zu glauben; sie halten es für eine bösartige Unterstellung, die gegen die verhassten Europäer erfunden wurde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Einheimischen, wenn sie untereinander über die ihrer Meinung nach dreckigen, tierischen Gewohnheiten reden, diese Angewohnheit als die allerübelste ansehen und sie zum Gegenstand bitterer Sarkasmen und Spötteleien machen. Der Anblick eines Fremden, der spuckt oder sich die Nase in ein Taschentuch schneuzt und es dann in die Tasche steckt, reicht, um einen Inder krank zu machen. Ihrer Meinung nach ist es das höflichste Verhalten der Welt, wenn man nach draußen geht, sich die Nase mit den Fingern schneuzt und sie anschließend an der Wand reinigt."
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Man halte sich fünf Faden von einer Kutsche, zehn Faden von einem Pferd, einhundert Faden von einem Elefanten fern, aber die Entfernung, die man sich von einem Bösen fernhalten soll, kann man nicht in Faden messen.
Fliegen halten nach Geschwüren Ausschau, Könige nach Krieg, Bösewichter nach Streitereien, aber gute Menschen nur nach Frieden.
Einen mutigen Mann erkennt man in der Gefahr, eine gute Frau, wenn man in Not gerät, gute Freunde in Zeiten des Missgeschicks und seine Verwandten zur Zeit der Hochzeit.
Sechs Dinge ziehen fast immer schlimme Folgen nach sich: Königsdienst, Raub, Pferde zurichten, Reichtümer aufhäufen, Zauberei und Jähzorn.
Verrate niemandem etwas über deine Lebensverhältnisse, deinen Besitz, deine Geliebte, deine mantras, deine Heilmittel, wo du dein Geld versteckt hast, die guten Werke, die du getan hast, die Beleidigungen, die man dir angetan hat und die Schulden, die du eingegangen bist.
Es zeugt von Klugheit, mit seinem Koch in gutem Einvernehmen zu leben, ebenso mit Dichtern, Ärzten, Magiern, den Landesherren, mit Reichen und mit Halsstarrigen.
Die Bedeutung von Träumen, die Auswirkungen von Herbstwolken, die Herzen der Frauen und das Naturell der Könige sind niemandem bekannt.
Man findet leichter eine Blüte auf dem heiligen Feigenbaum, einen weißen Raben oder die Spuren eines Fischfußes, als dass man ergründen könnte, was eine Frau gerade im Sinn hat.
Große Flüsse, schattige Bäume, Medizinalpflanzen und tugendhafte Leute sind nicht für sich selbst auf die Welt gekommen, sondern für das allgemeine Beste.
Drei Arten von Leuten nimmt man überall gerne auf: einen tapferen Soldaten, einen gelehrten Mann und eine hübsche Frau.
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